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Ausweg Suizid


Vor langer Zeit schrieb ich bereits in diesem Blog über die Krankheit "Bipolar" (hier) um mit einem Tabuthema in der Gesellschaft aufzuräumen. Den heutigen Post kann man als Erweiterung betrachten.
Ich möchte euch bitten, ihn wertfrei zu lesen und zu versuchen, es zu verstehen. Am Ende schreibe ich, warum ich darüber rede.

Es ist kein Seelenstriptease, sondern Aufklärung und ich hoffe, ich werde es nicht bereuen, dieses Thema angesprochen zu haben. Wenn niemand darüber spricht, wird sich auch nie etwas ändern oder?

Ausweg Suizid

Es gibt Themen, über die spricht man nicht! Oder zumindest nicht gerne. Dazu gehört der Selbstmord. Sagt man, dass man versucht hat (es ist ein Versuch, weil man ja später darüber reden kann) sich das Leben zu nehmen, dann erfährt man viele Reaktionen von seinem Gegenüber: Fassungslosigkeit, Verachtung, Mitleid, Häme (weil man es ja nicht geschafft hat!), Wut, Ratlosigkeit und vor allem das Gefühl des nicht Verstehens: Wie konntest du nur?

In Deutschland versuchen rund 100.000 Menschen jährlich zu sterben, 9000 gelingt es tatsächlich. 90 % dieser Menschen sind psychisch krank! Die größte Rolle dabei spielt eine Depression. Depressive Phasen macht ein Mensch in seinem Leben sicherlich mindestens einmal durch. Ich z.B. kenne kaum jemanden in meinem Alter, der nicht dieses Gefühl kennt, am Abgrund zu stehen.

Wer niemals unter Depressionen litt, der kann es tatsächlich nicht verstehen, wie man sich selber das Leben nehmen kann. Und wer es versucht hat und überlebt, der hat ein Leben danach, das gelebt werden muss! Ich kenne eine Frau, die hat Schlaftabletten genommen und ist aus dem Fenster gesprungen … sie sitzt jetzt im Rollstuhl und lebt ein Leben am Rand der Gesellschaft. Oder eine andere, die sich an beiden Armen die Pulsadern aufschnitt, überlebte und nun ihre Hände nur noch eingeschränkt nutzen kann, weil sie vollkommen verkrüppelt sind. Und ich kenne eine Frau, die danach ihr Leben lebenswerter findet als jemals zuvor: mich.

Ich werde es niemals wieder tun, außer … wenn ich so krank bin, dass es ein Gnadenakt ist. Hin und wieder überkommt mich das Gefühl, das mich dazu gebracht hat, keinen Ausweg zu sehen und gehen zu wollen. Allerdings aus einer anderen Distanz, aus der Ferne, wie ein fremdes Leben, das nicht zu mir gehört.

Ich habe furchtbare Angst davor zu sterben! Ich kann mir nicht vorstellen, nicht mehr da zu sein. Irgendwann ist es aber so weit und das war es dann. Gehört ja dazu. Und was hat mich dazu gebracht diese Angst zu überwinden und es zu tun? Die Sehnsucht danach, nichts mehr fühlen zu müssen! Es gehört so viel Mut dazu, diesen Schritt zu gehen. Es wird oft gesagt, dass Suizid feige ist … nein, ganz bestimmt nicht! Es ist kein Akt der Spontanität, es ist geplant, durchdacht, durchlebt, durchfühlt. Es ist nicht egoistisch oder verantwortungslos. Denn es spielt der Gedanke hinein, dass es allen anderen besser geht, wenn man nicht mehr lebt! Unvorstellbar? Bei vielen Krankheitsbildern ist man eine unglaubliche Belastung für seine Umwelt. Ein normales Leben ist unmöglich! Die psychische Belastung für die eigenen Kinder ist für einen selber nicht tragbar. Man gibt das seelische Heil der Kinder an andere nahestehenden Menschen ab, um aus ihnen nicht die nächste Generation der Selbstmörder zu machen. Schwer zu verstehen? Das ist es wohl, aber keine Mutter nimmt sich das Leben, ohne dabei an die Kinder zu denken! Trauer ist ein Gefühl, das bearbeitet werden kann … aber ein Leben lang die psychischen Ausfälle der Mutter zu erleben und sie mittragen zu müssen, das ist für Kinder seelisch und emotional nicht zu verarbeiten. „Hast du nicht an deine Kinder gedacht?“ … doch, jahrelang und immer, immer, immer!

Und dann bist du tot. Und wachst im Krankenhaus auf der Intensivstation wieder auf und der erste Gedanke ist: nichtmal DAS kriegst du hin, du Versager! Sie haben dich wieder in das Leben zurückgeholt, aus dem du gehen wolltest! Was für eine Scheisse! Und danach wird es richtig schlimm: du musst dich rechtfertigen, du musst die unendliche Trauer deiner Kinder bewältigen, du musst Vorwürfen standhalten, du musst wieder fühlen und du landest in der Psychiatrie in der geschlossenen Abteilung. Und da sind sie alle, so wie du. Das sind keine Versager, das sind Menschen aus allen Gesellschaftsschichten, denn diese Krankheiten machen vor keinem halt.

Und sagt jetzt bloß nicht: das könnte mir nie passieren! Es kann JEDEM passieren! Und sagt nicht: ich würde mir NIEMALS das Leben nehmen wollen! Dieses niemals gibt es nicht. Viel mehr Menschen als wir glauben haben schon einmal darüber nachgedacht. Und viel mehr Menschen als wir glauben, sind kurz davor gewesen oder haben es versucht! Nur, es spricht niemand darüber … weil es peinlich ist?! Weil man als Feigling abgestempelt wird? Oder weil man als verantwortungsloser Mensch verurteilt wird?

Man wird schnell verurteilt, das ist mal klar. Ein Leben danach ist nur zu bewältigen, wenn man stark ist. Sein Leben in den Griff zu bekommen, kostet unglaublich viel Willen und Durchhaltevermögen. Von der Schuld, die man seinen Kindern gegenüber empfindet, möchte ich erst gar nicht reden. Und dann gibt es immer noch die große Bürde, dass man krank ist. Das Leben wird danach noch unerträglicher, noch härter und verhasster. Die Erkenntnis, dass der Suizid, den man überlebt hat, unerträglich bescheuert war trifft einen gnadenlos. Aber passiert ist passiert, das kannst du nicht rückgängig machen. Das trägst du ein Leben lang mit dir herum, damit musst du umgehen lernen!

Mir wurde geholfen. Von einem Arzt, der feststellte, dass ich gar keine Depressionen habe, sondern eine Stoffwechselstörung im Gehirn. Angeboren. 45 Jahre und etliche psychiatrische Behandlungen und Aufenthalte in Kliniken, die erfolglos waren … das alles hätte nicht sein müssen. Es ist eine Tablette täglich, die alles in meinem Kopf steuert. Ein einziger Wirkstoff, unglaublich. Ich kann es immer noch nicht fassen. Das alles ist jetzt 11 Jahre her. Mit einer Tochter rede ich oft über diese Zeit und wir bearbeiten es gemeinsam. Die andere Tochter möchte nicht darüber reden. Meine Schuld ihr gegenüber ist unüberwindbar groß. Ich wäre nichts lieber gewesen als die Mutter, die ihre Kinder wohlbehütet ins Leben entlässt. Manchmal weine ich. Es tut mir so unendlich leid, das ich ihnen das angetan habe. Aber glaubt mir bitte: ich konnte nicht anders.

Jetzt sitze ich hier und denke darüber nach, wie ich dieses Thema zum Ende bringen kann. Warum habe ich überhaupt darüber geschrieben? Weil es ein Tabuthema ist! Ich durchbreche gern Tabus. Ich rede über Dinge, die unangenehm sind. Ich nehme kein Blatt vor den Mund, wenn es um menschliche Abgründe geht. Denn die interessieren mich. Die Oberfläche des Menschen ist meist glatt, keiner trägt die Narben der Seele darin. Ich erkenne schnell einen Menschen, der in irgendeiner Not ist. Ich möchte helfen. Und wenn es nur in geschriebenen Sätzen ist. Meine eigenen Erfahrungen mit dem Leben sind so vielschichtig, davon möchte ich etwas hergeben. Vielleicht hilft es ja … und wenn nur einer davon profitiert, dann ist schon viel getan!

Hinterlasst mir gerne einen Kommentar,
wir können darüber reden

LG
Edith

Kommentare

  1. das ist das schlimme...so viel Leid müsste es nicht geben, wenn doch einer da wäre, der helfen kann. und will. manchmal ist es so leicht. manchmal ein langer weg. aber niemals aussichtslos! auch wenn es sich manchmal so anfühlt.
    Ich finde dich mutig. und ich finde es ganz ganz großartig, dass du es überlebt hast! im wahrsten sinne des wortes! sei stolz auf deine kraft, auf dein neues leben. und rede so viel du kannst darüber. vor allem mit deinen kindern.
    ich umarme dich. doro.

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  2. Du sollst es nicht bereuen, ganz sicher werden einige zum nachdenken kommen.

    Grüße Ramgad

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  3. Ich finde dich und deinen Artikel stark, liebe Edith! An die Öffentlichkeit zu gehen, ist auch ein Weg der Selbstheilung, in meinen Augen. Und ja, ich bin Depressiv und deshalb auch berentet. LG Sandra

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  4. Danke für diesen ehrlichen, intimen und sehr informativen Post. Von dieser Seite habe ich das Thema noch nicht betrachtet und kann es jetzt vielleicht etwas besser verstehen. Danke
    Christine

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  5. Vielen Dank für diesen Post. Mein Mann leidet seit einigen Jahren an Depression und der Versuch alles zu balancieren und die Kinder möglichst unbeschadet durch die wirklich schlimmen Phasen zu kriegen, hat mich selbst an den Rand des Abgrund gebracht. Das Schlimme ist, dass man damit einfach alleine gelassen wird. Es gibt keine leicht zugänglichen Anlaufstellen, es gibt keine Unterstützung für die Familien von der Hilfe für die direkt Betroffenen ganz zu schweigen. Ich kann immer noch nur den Kopf darüber schütteln, dass man in so einer Situation ein halbes oder ganzes Jahr auf einen Therapieplatz warten muss und sich vorab die Finger wund telefoniert hat, bzw. die Angehörigen, weil der Betroffene ja selber gar keine Kraft dafür hat. Ich selbst würde so gern helfen, würde so gern meine Erfahrungen weitergeben, damit andere sich nicht so sehr daran aufreiben, wie ich es getan habe. Aber ich weiß einfach nicht wie. Noch nicht! Denn ich bin fest entschlossen, dass andere nicht so allein gelassen werden sollen, wie ich und meine Familie. Danke, dass du mit diesem Post auch dazu beiträgst! Du hast Recht, es ist Zeit das Schweigen zu brechen.

    Liebe Grüße
    Andrea

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freue mich auf euren "Senf dazu"

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